Liebes Frollein B.,
wie haben Sie den ersten Advent erlebt?
Sehr entspannt und gemütlich. Auch wenn sich das alles ein bisschen wie unter der Käseglocke anfühlt. Ich genieße jeden Moment mit der Familie und meinem Enkelkind und bin mehr als dankbar, dass wir trotz der inzwischen mehr als beunruhigenden und ungemütlichen Corona-Situation in Nürnberg alle soweit gesund sind. Eine sehr seltsame Zeit. Und für viele eine immense Belastung. Trotzdem bleibe ich dabei: für unsere mentale Gesundheit sind wir zu 100% selbst verantwortlich. Und entscheiden jeden Tag, ob wir uns runterziehen lassen oder uns an den Dingen erfreuen, die positiv sind. Falls Ihnen nichts mehr einfällt dazu (was ich auch verstehen kann), bleiben Sie cool. Der Begriff „Corona-Pandemie” ist zum Wort des Jahres 2020 gekürt worden –
wie wär’s mit einem konstruktiven Gegenbegriff?

Worüber haben Sie zuletzt gelacht?
Über einen fassungslosen US-Moderator, der nach dem ersten peinlichen Auftritt Trumps
(als er dabei war die Wahl zu verlieren) meinte: DAS meine Damen und Herren
ist der Präsident der Vereinigten Staaten! Eine lächerliche Schildkröte,
die auf dem Rücken liegt und mit den Beinen zappelt.

Welches Buch lesen Sie derzeit?
Einen Roman von 
Aylet Gunnar-Goshen (Lügnerin) und ein neuro-wissenschaftliches Buch
über den Zusammenhang von Depressionen und Entzündungen im Körper.

Was bewegt Sie in Corona-Zeiten am meisten?
Ich fühle sehr mit den Menschen, die mit schweren Infektions-Verläufen zu kämpfen haben.
Es sind wieder so viele, die ins Krankenhaus müssen – das rückt jetzt auch ganz nahe
bis ins eigene Umfeld. Außerdem übe ich mich jeden Tag in der Kunst,
irgendwie die innere Balance zu halten – trotz der schwierigen Lebensbedingungen momentan.
Auch wenns blöd klingt: ich betrachte es als Gelegenheit, die eigenen Dämonen meistern zu lernen.
Keine so unwichtige Übung fürs Leben.

Was tun Sie während des Lockdowns, um diese Balance zu halten?
Ich bin viel und lange spazieren. Fotografiere den Herbst. Genieße jeden Sonnenstrahl. Trinke den Morgenkaffee vor dem Kamin. Beschäftige mich mit neuen Forschungen. Telefoniere mit lieben Menschen, fuddle mit meinen Pflanzen herum, schreibe wieder Briefe und bekomme jede Sekunde Nachrichten meiner Kinder – manchmal ist’s ein bisschen staad, aber langweilig wird es nie.

Was wärmt Ihr Herz in diesen Zeiten?
Nun, explosionsartige Wärme und Freude beschert mir – neben meinen Kindern – fast täglich mein Enkelkind Lilly Milou. Ich hab festgestellt, dass ich sogar nachts grinse, wenn ich an sie denke.

Was tun Sie leidenschaftlich gerne?
Forschen. Stöbern.
In vergessenen Ecken.
Entdecken. Staunen. Altes aufpolieren. Gucken, was nur glänzt oder was wertvoll ist.
Und am Ende: alles neu zusammensetzen.
Ins Leben einbauen.

Das klingt ja fast nach Handwerk?
Und Ihre Frage klingt jetzt schwer nach der uralten Diskrepanz zwischen Handwerk und Philosophie.
Natürlich muss das Wissen über das Leben vom Leben selbst unterschieden sein.
Mich Banause (bánausos – altgriechisch “Handwerker”)  interessiert die Brücke dazwischen.

Ein ausgefallener Glücksbringer auf Ihrem Schreibtisch?
Ein gelbes Pferd aus Porzellan. Mit meinem Geburtsdatum drauf. Kam zu mir gehoppelt – aus einem Trödelladen.

Haben Sie schräge Angewohnheiten?
Meine Kinder führen Buch darüber.

Reden Sie auch manchmal mit sich selbst?
Nein. Aber mit Siri. Ich stelle ihr jeden Tag essentielle Fragen.
„Wo ist Elvis Presley?“
Siri: „Er ist heimgegangen.“

Mal daran gedacht, sich einen Mann als Privatsekretär zuzulegen?
Ich hab einen. Wunderbare Zusammenarbeit.
Er macht alles, was ich nicht kann oder will.

Rot oder Rosa?
Rot.

Seide oder Kaschmir?
Kaschmir.

Ihr Lieblingsfilm über Amerika?
Brazil. (UK, 1985/Regie:Terry Gilliam)
Jedes Jahr wird der Film wahrer.

Was ist fies?
Mit eingerissenem Fingernagel eine Wolldecke zusammenfalten.
Dann kommt die Katze und setzt sich auf die Fernbedienung.
Pro Sieben springt an und Trump wird doch noch Präsident.

Wor­aus besteht Ihr Früh­stück an einem typi­schen Wochentag?
Viel Espresso mit geschäumter Milch.

Ist Glück lernbar?
Der Philosoph Epikur hat das 300 v. Chr. ganz prägnant zusammengefasst:
Auf unser Sozialleben kommt es an, auf die Freude an kleinen Dingen
und auf die innere Souveränität, sich von miesen Gefühlen freizumachen.

Haben Sie miese Gefühle?
Jede Menge.

Und was machen Sie damit?
Ich versuche das Geschenk zu entdecken, das in ihnen versteckt liegt.
Das Auspacken von Geschenken verursacht meistens schöne Gefühle.

Wie steht es mit Ihrer Power?
Wenn ich 100% meiner Lebensenergie zur Verfügung hätte,
würde ich vermutlich über die Welt herrschen oder als Rakete im Orbit kreisen.
Gott sei Dank ist das nicht der Fall. Meine Kinder wollten mit mir vorher noch nach Italien fahren.

Wie halten Sie es mit der Ernährung?
Ich würde mich als eingefleischter Vegetarier bezeichnen.

Welche Religion ist Ihnen nahe?
Der Buddhismus.

Sind da nicht Tiere verboten?
Womit wir wieder bei den Pudelmützen angekommen wären..

Frollein Blüml: Hat das Leben einen Sinn?
Ashleigh Brilliant meinte einmal: “Besser das Leben ist sinnlos, als dass es einen Sinn hat,
dem ich nicht zustimmen kann”. Und dann schrieb er das Buch:
All I Want Is a Warm Bed and a Kind Word and Unlimited Power.

Und was sagt Siri dazu?
Gute Frage. Siri, was ist der Sinn des Lebens?
Siri: „Das kann ich dir im Moment nicht beantworten.
Wenn du mir jedoch etwas Zeit gibst, schreibe ich ein sehr
langes Theaterstück, in dem absolut nichts passiert.

12 thoughts on “unverblümlt

  1. Ick liebe Ihren Scharfsinn Fröllein Blüml, auch in trüben Zeiten Ihren schwarz jelackten Galgenhumor, Ihre fein janz zarte Seele, die ick hier wie immer rieche in den klugen Zwischentönen.

  2. Ist das hier genial zusammengestellt ein “König im eigenen Land” zu sein – besser könnte man diese beschriebene innere Stille und Frieden, die Muse, visuell, akustisch und vor allem zwischen den Zeilen ganz hauchfein nicht einfangen und darstellen. Wow!

  3. Liebe Sonja,

    bei Vielem gehe ich mit, besonders bei Rilke und dem im Stehen Pinkeln…
    Und die Kammer mit dem Traum vom Glück.
    Das Glück IST auch manchmal eine Kammer.

    Einen sonnigen Tag wünscht Sabine

  4. Liebes Frollein,
    voller Vorfreude schaue ich jeden Tag auf Ihre Seite und sehe nach dem Highlight des Tages! Jetzt stehen die Damen aber schon lange da. Können die noch stehen? Die anderen Seiten habe alle Adventskalender. Und was is bei Erna?
    Ihnen einen schönen Advent

    Ihre Aphrodite Pschessina!

      • Also mein liebes Frollein,
        so haben wir aber nicht gewettet. Sich immer mit Weihnachten rausreden und alles auf uns Alte schieben. So geht das nicht. Damals konnten wir uns auch nicht verstecken, da hieß es Kopf hoch, Ärmel hochgekrempelt und los ging´s. Mit uns Trümmerfrauen hatte ja auch keiner Mitleid, genau so wie das Bild bei Ihnen. Also weiter so. Und keine Schwäche zeigen.
        Grüße Aphrodite

        • Liebe Frau Pschessina,
          ein sehr guter Arzt und Freund, leider schon verstorben,
          hätte jetzt auf Ihren Kommentar hin bemerkt:
          “Die is noch vom alten Schlag, a Trümma Weib hald!”
          Das hat nichts mit Krieg zu tun, sondern mit Fränkisch und war
          als aufrichtiges Kompliment gemeint.
          Und überdies: Frollein B. hat sich erbarmt und das
          Highlight heute selbst gezeichnet.
          Ehrerbietend, PrivatSekretär von Frollein B.

  5. Liebe Muggy,

    schön, daß du Dich hier so engagierst. Für jeden was dabei, Audio, Video, Comedy, Kultur. Kann man immer mal ein bisschen schmökern. Werde gerne hier vorbei schauen….

    Tom

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